Aus der Schule

Wenn die Semesterwanderung ins Schulhaus kommt

Zweimal im Jahr heisst es an der Primarschule Sissach normalerweise: Wanderschuhe anziehen, Rucksack packen und gemeinsam losziehen.


Die Semesterwanderungen gehören fest zum Schuljahr und verbinden Bewegung, Gemeinschaft und das Kennenlernen der näheren Umgebung.


Im Herbst sind die verschiedenen Stufen jeweils separat unterwegs. Kindergarten, 1./2. Klassen, 3./4. Klassen und 5./6. Klassen machen sich auf unterschiedliche Wege und erkunden vom Schulhaus aus die Region rund um Sissach. Dabei geht es nicht nur um das Wandern selbst. Die Kinder sind ausserhalb des gewohnten Schulzimmers unterwegs, begegnen anderen Klassen ihrer Stufe und knüpfen Kontakte über die eigene Klasse hinaus. Gleichzeitig lernen sie Wege, Landschaften und Orte ihrer unmittelbaren Umgebung kennen und verbringen einen bewegungsreichen Tag miteinander.


Die zweite Semesterwanderung im Frühling hat einen ganz eigenen Charakter: Dann macht sich die gesamte Primarschule gemeinsam mit den Kindergärten auf den Weg zur Sissacher Flue. Manchmal schliesst sich auch das HPZ an. Wer an diesem Tag auf der Flue steht, erlebt ein besonderes Bild: Überall Kinder, Lehrpersonen, Rucksäcke und Picknickdecken – und dazwischen immer wieder der Blick hinunter auf Sissach. Für einen Moment ist dort oben beinahe die ganze Schule versammelt.


Dieses Jahr kam alles anders.


In diesem Jahr musste jedoch umgeplant werden. Die anhaltende Trockenheit und Dürre führten dazu, dass die Schulleitung in Absprache mit der Gemeinde entschied, auf die geplanten Semesterwanderungen zu verzichten.


Damit war einmal mehr die Spontaneität und der Einfallsreichtum der Lehrpersonen gefragt. Innerhalb kurzer Zeit mussten für die verschiedenen Stufen neue Programme entstehen – mit klaren Vorgaben: nicht in den Wald und möglichst nicht in die Sonne.


Die drei 4. Klassen trafen sich deshalb beim Schulhaus Bützenen zu einem gemeinsamen Ersatzprogramm. Auch wenn diesmal keine Wanderkilometer gesammelt wurden, blieb der Grundgedanke der Semesterwanderung erhalten: Bewegung, Begegnung, Gemeinschaft und gemeinsames Erleben über die eigene Klasse hinaus.


1. Teil: Bewegung, Teamgeist und eine gute Portion Energie


Der Vormittag begann sportlich in der Turnhalle. Beim Hindernisbrennball und beim Ameisen-Völki konnten sich die Kinder zunächst einmal richtig auspowern.


Dabei ging es um weit mehr als nur ums Rennen, Werfen und Ausweichen. Die Kinder mussten flink reagieren, Situationen rasch erfassen und ihre Bewegungen anpassen. Gleichzeitig verlangten beide Spiele viel Zusammenarbeit. Wer als Team erfolgreich sein wollte, musste sich absprechen, andere im Blick behalten und gemeinsam taktisch handeln.


Eine weitere Herausforderung gehört bei sportlichen Spielen ebenfalls dazu: Nicht immer läuft alles so, wie man es sich wünscht. Ein Ball geht daneben, jemand wird getroffen, eine Runde geht verloren oder eine gute Idee funktioniert nicht. Solche Momente bieten wichtige Lerngelegenheiten. Die Kinder üben, mit Frust umzugehen, nach einem Misserfolg weiterzumachen und auch dann Teil des Teams zu bleiben, wenn gerade nicht alles gelingt.


Besonders wichtig war an diesem Tag, dass die Gruppen klassendurchmischt zusammengesetzt waren. So spielten die Kinder nicht nur mit ihren engsten Freundinnen und Freunden, sondern begegneten auch Mitschülerinnen und Mitschülern aus den beiden anderen 4. Klassen. Neue Kontakte konnten entstehen, bekannte Gesichter wurden plötzlich zu Teamkameradinnen und Teamkameraden und vielleicht entdeckte das eine oder andere Kind ganz neue Gemeinsamkeiten.


Genau darin liegt ein wichtiger Wert solcher klassenübergreifenden Anlässe: Die Kinder erleben sich nicht nur als Teil ihrer eigenen Klasse, sondern auch als Teil einer grösseren Gemeinschaft.


2. Teil: Gemeinsam geht es besser


Nach dem sportlichen Start wurde es etwas ruhiger – aber keineswegs weniger herausfordernd. Nun standen verschiedene soziale Spiele auf dem Programm, bei denen Kooperation, Kommunikation und gemeinsames Problemlösen gefragt waren.


Beim Strippenzieher musste ein Kran gesteuert werden, der an mehreren Schnüren befestigt war. Damit sollten gemeinsam Holzklötze aufgenommen und zu einem Turm gestapelt werden. Was zunächst einfach aussieht, wird schnell anspruchsvoll: Zieht eine Person zu stark, kippt der Kran. Bewegt sich jemand zu früh, fällt ein Klotz herunter. Und wenn alle gleichzeitig eigene Ideen umsetzen wollen, funktioniert meistens gar nichts.


Der Turm konnte also nur wachsen, wenn die Gruppe miteinander sprach, aufeinander hörte und ihre Bewegungen aufeinander abstimmte. Die Aufgabe machte sehr direkt sichtbar, was gute Zusammenarbeit ausmacht: Die eigene Idee ist wichtig – aber ebenso wichtig ist es, die Ideen der anderen wahrzunehmen und sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen.


Nicht immer muss die lauteste Person die Führung übernehmen. Manchmal braucht es jemanden, der gut beobachtet. Manchmal jemanden, der eine klare Anweisung gibt. Und manchmal besteht der wichtigste Beitrag darin, den anderen aufmerksam zuzuhören.


Kommunikativ wurde es auch bei einer Runde Werwolf. Die Römer hätten vermutlich ihre Freude daran gehabt. Hier mussten die Kinder nicht nur aufmerksam zuhören, sondern auch argumentieren, Vermutungen anstellen und andere von ihrer Sichtweise überzeugen. Wer geriet unter Verdacht? Welche Aussagen klangen glaubwürdig? Wer konnte die Gruppe mit guten Argumenten davon überzeugen, ganz bestimmt unschuldig zu sein?

Spielerisch wurden dabei rhetorische Fähigkeiten geübt, die auch im Unterricht immer wieder wichtig sind: vor einer Gruppe sprechen, eine Meinung begründen, Argumente finden, anderen zuhören und auf Aussagen reagieren. Gleichzeitig lernten die Kinder, dass Überzeugungskraft nicht nur davon abhängt, was man sagt, sondern auch davon, wie man es sagt.

So wurde aus einem Gesellschaftsspiel ganz nebenbei eine kleine Übung in Rhetorik und Kommunikation.


Bei der dritten Aufgabe musste ein Ball mithilfe einzelner Schienenstücke transportiert werden. Zunächst arbeiteten zwei Kinder zusammen, anschliessend vier – und schliesslich war die ganze Gruppe gefordert.


Je grösser die Gruppe wurde, desto wichtiger wurden Absprachen und vorausschauendes Handeln. Wo muss die nächste Schiene bereitstehen? Wer bewegt sich wann? Wie verhindern wir, dass der Ball auf den Boden fällt?


Besonders spannend war dabei die Frage, welche Rolle jedes einzelne Kind innerhalb der Gruppe übernimmt. Bringe ich meine Ideen ein? Höre ich auch auf andere? Kann ich mich zurücknehmen, wenn jemand anderes gerade eine gute Lösung hat? Und wie schaffen wir es, dass wirklich alle beteiligt sind?


Als am Ende die ganze Gruppe gemeinsam arbeitete, wurde deutlich: Eine Aufgabe, die alleine kaum zu bewältigen wäre, kann durch Zusammenarbeit plötzlich gelingen.


Nach so viel Bewegung, Kommunikation und Zusammenarbeit war es Zeit für das Mittagessen. Auch diese Pause gehört zu einem solchen Tag dazu. Die Kinder packten ihre mitgebrachten Mahlzeiten aus, tauschten vielleicht einmal etwas zum Probieren, kommentierten gegenseitig ihre Lunchpakete und erzählten von den bisherigen Erlebnissen.


Gemeinsames Essen ist deshalb weit mehr als nur eine notwendige Pause zwischen zwei Programmpunkten. Es schafft Raum für Austausch, Zugehörigkeit und Gemeinschaft.


3. Teil: Spielen, erzählen und den Tag gemeinsam ausklingen lassen


Am Nachmittag durfte es etwas gemütlicher werden. Mit Avocado Smash, Uno, Ligretto und verschiedenen weiteren Karten- und Gesellschaftsspielen klang das Ersatzprogramm aus.


Doch auch hier wurde gelernt. Bei Karten- und Gesellschaftsspielen müssen Regeln verstanden und eingehalten werden. Die Kinder warten, bis sie an der Reihe sind, behalten das Spielgeschehen im Blick und treffen Entscheidungen. Je nach Spiel braucht es Reaktionsgeschwindigkeit, Konzentration, Strategie oder ein gutes Gedächtnis.


Und natürlich gehört auch das Gewinnen und Verlieren dazu. Sich über einen eigenen Sieg zu freuen, ohne andere abzuwerten, oder eine Niederlage auszuhalten, ohne dass gleich die ganze Spielfreude verloren geht, sind wichtige soziale Erfahrungen.


Vor allem aber schufen die Spiele eine entspannte Atmosphäre. Wer gemeinsam an einem Tisch sitzt, kommt automatisch miteinander ins Gespräch. Es wird gelacht, diskutiert und erzählt. Nach einem Vormittag mit viel Bewegung und anspruchsvollen Kooperationsaufgaben bot dieser Teil des Tages Raum, die neuen Kontakte weiter zu vertiefen.


Natürlich konnte das Ersatzprogramm die traditionelle Semesterwanderung nicht einfach ersetzen. Das gemeinsame Unterwegssein, die Natur und der Blick von der Sissacher Flue gehören zu den besonderen Erlebnissen, auf die wir uns hoffentlich bei einer nächsten Gelegenheit wieder freuen dürfen.


Und trotzdem zeigte dieser Tag, dass der pädagogische Wert einer Semesterwanderung nicht allein in der zurückgelegten Strecke liegt.


Auch im Schulhaus Bützenen konnten die Kinder sich bewegen, neue Kontakte knüpfen, gemeinsam Herausforderungen bewältigen und sich ausserhalb des üblichen Unterrichts erleben. Sie mussten kommunizieren, kooperieren, mit Erfolg und Misserfolg umgehen, Verantwortung innerhalb einer Gruppe übernehmen und immer wieder herausfinden, wie aus vielen Einzelnen ein funktionierendes Team werden kann.


Aus einer kurzfristigen Planänderung entstand so ein abwechslungsreicher Gemeinschaftstag für die drei 4. Klassen.




Text & Bild: K. Stieger